Vermeintlicher „Fahrrad-Boom“ kann den Sportfachhandel im Winter nicht retten

Laut vielen Berichten gab es im Sommer einen regelrechten „Fahrrad-Boom“ in Österreich, aber gleichzeitig ist der Gesamtumsatz der Sportartikelbranche von Jänner bis September gesunken

Laut vielen Berichten gab es im Sommer einen regelrechten „Fahrrad-Boom“ in Österreich. Gleichzeitig ist der Gesamtumsatz der Sportartikelbranche von Jänner bis September um 11 Prozent gesunken[1]. Das zeigt, wie heterogen die Sportartikelbranche ist und Umsatzmeldungen für Entschädigungszahlungen entsprechend differenziert betrachtet werden müssen. Was sagen die Zahlen tatsächlich?

Was wirklich hinter den Jubelmeldungen steckt

Im Sommer wurde – in erster Linie auf Grund der Corona-Pandemie – ein regelrechter „Fahrrad-Boom“ ausgerufen. Die Nachfrage sei so hoch wie nie, die Lager leer und das Fahrrad der Gewinner der Krise. Das ist allerdings nur zum Teil korrekt. Der Trend zum Fahrrad und speziell zum E-Bike zeichnete sich bereits in den letzten Jahren ab. Was das für dieses Jahr im Detail bedeutet, hat der VSSÖ gemeinsam mit der ARGE Fahrrad in einer Blitzumfrage in der heimischen Fahrradbranche erhoben:

  • Die Nachfrage nach Service-Dienstleistungen ist gestiegen. Viele Kunden haben vor allem zu Beginn der Pandemie ihre alten Fahrradmodelle wieder in Stand setzen und reparieren lassen. Das ging mit einem höheren Bedarf an Ersatzteilen und einer hohen Frequenz in Rad-Werkstätten einher. Dadurch kam es zu längeren Wartezeiten und dem Anschein, dass Werkstätten sich vor Aufträgen kaum retten können.
     
  • Es gab mehr Fahrradverkäufe in einem kürzeren Zeitraum. Üblicherweise werden im Monat vor Ostern etwa 50 Prozent aller Fahrräder eines gesamten Jahres verkauft. Auf Grund der Schließung des Handels im Frühjahr ist diese wichtige Phase ausgefallen. Diese hohen Lagerbestände wurden in einer sehr schnellen Zeit nach der Wiedereröffnung des Handels kumuliert aufgekauft. Dadurch kam es zu einem Nachholeffekt.
     
  • Die Nachfrage besteht weiterhin. Weltweit sind Fahrräder im Moment sehr gefragt, was zu Engpässen in den Produktionsketten führt. Es kommen weniger Lieferungen, weshalb die österreichischen Lager nur stückweise wieder aufgefüllt werden können. Im Sommer wurde zum Teil schon Ware für das Jahr 2021 ausgeliefert. Der Handel kann nicht mehr Fahrräder verkaufen, als er einkauft.

Die endgültigen Zahlen zu den Fahrradverkäufen 2020 stehen – wie jedes Jahr – im Frühjahr nächsten Jahres fest. Dennoch hat sich die ARGE Fahrrad im Rahmen einer Blitz-Umfrage unter den heimischen Händlern und Importeuren um eine erste Einschätzung bemüht. „Nach unseren ersten Händler-Umfragen und Schätzungen gehen wir in diesem Jahr von Zuwächsen im Fahrrad-Verkauf in Österreich von 6 bis 10 Prozent aus. Dieses Wachstum betrifft vor allem den urbanen Sport- und Fahrradfachhandel“, gibt der Sprecher der ARGE Fahrrad Hans-Jürgen Schoder an.

Hohe Abhängigkeit des Sportartikelhandels von Standort und Saison

Die Sportartikelbranche in Österreich ist vielschichtig. Der Umsatz von Händlern in touristischen Gebieten ist bis zu 70 Prozent vom Winter- und Weihnachtsgeschäft abhängig. 30 Prozent davon sind auf den Service und Verleih zurückzuführen. Diese Händler betreffen diese Fahrradumsätze im Sommer praktisch nicht.

„Es wäre fatal, wenn es jetzt zu einer Spaltung der Sportbranche käme. Und dabei ist es egal ob es sich um West und Ost, Fahrrad und Ski, Sommer und Winter oder touristische und nicht-touristische Standorte handelt.“ so die Geschäftsführer von INTERSPORT und SPORT2000, Thorsten Schmitz und Holger Schwarting unisono. 

Angemessener Umsatzersatz ist lebensnotwendig für regionale Händler
 

Diese Heterogenität muss bei Entschädigungszahlungen entsprechend berücksichtigt werden. Etwa 90 Prozent der Sportfachhändler sind regional verankerte, familiengeführte EPU’s und KMU’s. Vor allem diese Betriebe kämpfen jetzt ums wirtschaftliche Überleben. Die touristischen Umsätze können im Winter nicht durch die einheimische Nachfrage kompensiert werden. Derzeit rechnen die Händler für den Winter mit einem Minus von bis zu 45 Prozent.

„Eine verspätete – oder gar keine – Wintersaison sowie geschlossene Herkunftsmärkte bedeuten für bis zu 40 Prozent der Sportfachhändler in Tourismusgebieten das wirtschaftliche Aus. Und hinter diesen vielen Zahlen stehen in erster Linie Menschen, nämlich etwa 6.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die direkt vom Tourismus abhängig sind. Das ist etwa die Hälfte der gesamten Branche. Der derzeit kolportierte Umsatzersatz von 20 Prozent für den Sportfachhandel ist schlichtweg zu wenig und für viele heimische Sportfachhändler existenzbedrohend“, appelliert VSSÖ Präsident Gernot Kellermayr eindringlich an die verantwortliche Politik. 

Quelle: Verband der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster Österreichs - VSSÖ Silva Leschner Kommunikation & PR / ots  //  Fotocredit: Playergeneriert  //  Videocredit: Youtube/XaK-CQKfPfw

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